Endavant - Vorwärts für ein freies, sozialistisches Katalonien

Auch die Geschichte der für die Unabhängigkeit Kataloniens eintretende Organisation Endavant OSAN ist eine, die auf unterschiedlichen Zusammenschlüssen von Menschen und Organisationen in der Vergangenheit beruht, bevor die jetzige Form erreicht wurde.




Aus AktivistInnen von Crida a la Solidaritat en Defensa de la Llengua (Crida) und Moviment de Defensa de la Terra (MDT) entstand 1993 die Organisation Assemblea d'Unitat Popular.(AUP, Populäre Versammlung der Einheit). Die Unterstützung für Esquerra Republicana de Catalunya (ERC) bei den Kommunalwahl im Jahr 1995 führte zu internen Differenzen, sodass die Organisation auseinanderbrach und ein Teil der Bewegung in ERC wechselte und die andere Fraktion im Jahr 1996 die Plataforma per la Unitat d'Acció (Plattform für die Aktionseinheit) gründete, zu der auch AktivistInnen von Catalunya Lliure und Maulets dazu stießen. In den folgenden Jahren erlebten die Organisation einen Zuwachs in lokalen Gruppen, hauptsächlich durch jungen Menschen, und nahm an vielen Auseinandersetzungen der zweiten Hälfte der 90er Jahre teil.

Beziehungen zu anderen sozialen Bewegungen wurden gepflegt, wie zur Bewegung gegen Empresa de Treball Temporal (einer Vermittlungsagentur für Zeitarbeitskräfte) oder zu Okupació (Hausbesetzerszene). Im Mittelpunkt stand die Auseinandersetzung auf den Straßen, was dazu führte, dass AktivistInnen Repressionen ausgesetzt waren, welche Hunderte der Militanten betraf. Im Jahr 2000 wurde erkannt, dass dieses Organisationsmodell erschöpft war und durch solide und adäquatere Organisationsstrukturen an die neue Realität der katalanischen Linken angepasst werden sollte.


Endavant - Organització Socialista d'Alliberament Nacional (Vorwärts - Sozialistische Organisation für die nationale Befreiung) wurde als Ergebnis der Konsolidierungen mit der ersten Vollversammlung am 23. Juli 2000 als „eine unabhängige, sozialistische und feministische Organisation in den katalanischen Ländern“ in Vilafranca del Penedès gegründet [Link zum Protokoll der ersten nationalen Versammlung]. Endavant OSAN, in der Regel nur als Endavant bezeichnet, unterstützt und ist Teil der Candidatura d'Unitat Popular (CUP).

Neben der Hauptausrichtung, der Unabhängigkeit der katalanischen Länder, hat Endavant die Arbeit in den sozialen Bewegungen und in den Kämpfen der katalanischen Antikapitalistischen-Linken sowie die Bekämpfung der Arbeitsplatzunsicherheit priorisiert und nach dem Referendum im Februar 2005 an der Kampagne gegen die europäische Verfassung teilgenommen. Sie kritisiert das Projekt wegen seiner neoliberalen sozialen Aspekte und der mangelnden Anerkennung der katalanischen nationalen Rechte. Endavant war auch Teil von "Xarxa contra els Tancaments d'Empreses i la Precarietat", einer Initiative welche Gewerkschaften und linke Gruppen sowie verschiedene Initiativen zur Unterstützung von ArbeitnehmerInnen im Kampf gegen die spanische Krise 2008-2015 oder zugunsten der Mobilmachungen von Studenten zur Verteidigung der öffentlichen Bildung gebildet hatten.
Im Referendum zur europäischen Verfassung forderte Endavant zur Abstimmung mit „Nein“ auf, da die nationalen Rechte der katalanischen Länder nicht anerkannt und der europäische Aufbauprozess aus neoliberalen wirtschaftlichen Positionen gestärkt wurde. Im Jahr 2006 widersetzte sie sich den Reformen der Autonomiestatuten für Katalonien, des Landes Valencia und der Inseln, da sie analysierte, dass das demokratische Recht auf Selbstbestimmung nicht in Betracht gezogen wurde und nach ihrer Auffassung das Modell und der Zustand der Autonomie im Franco-Reformprozess entstanden war.


Seit April 2007 betreibt Endavant gemeinsam mit anderen Kräften der Unabhängigen Linken, wie Maulets (in der Folge Arran), dem CAJEI oder dem Sindicat d'Estudiants dels Països Catalans (SEPC, Vereinigung der Studenten der katalanischen Länder), die Kampagne „300 anys d'ocupació, 300 anys de resistència“ (300 Jahre Besatzung, 300 Jahre Widerstand). Die Forderung der Unabhängigkeit der katalanischen Länder wird mit dem dreihundertsten Jahrestag der Schlacht von Almansa in Verbindung gebracht, die mit dem Verlust katalanischer Freiheiten infolge der Einführung der Dekrete von Nova Planta enden würde. Endavant hat aktiv an verschiedenen Ungehorsamskampagnen teilgenommen, wie zum Beispiel an den spanischen Gerichten bei Prozessen gegen Independentistas, weil diees Porträts spanischer Monarchen verbrannt hatten. Endavant verteidigte diese Handlungen und erklärte, "dass das Verbrennen des Bourbonenbildes legitim ist, weil es der Ausdruck des Volkes gegen einen direkten Erbenkönig des Franco-Regimes ist".


Die Teilnahme an den Generalstreiks gegen die Wirtschaftspolitik der spanischen Regierungen von Jose Luis Rodriguez Zapatero am 29. September 2010 und Mariano Rajoy am 29. März 2012 und am 14. November 2012, und die Beteiligungen an den Demonstrationen führte zu zahlreichen Verhaftungen von UnabhängigkeitskämpferInnen. Der Protest von Endavant richtetw sich aber auch gegen die Generalität von Katalonien, wie bei Demonstrationen gegen die Sozialkürzungen der autonomen Regierungen von Artur Mas. 2010 fanden die Aktivitäten auch auf Mallorca statt, mit Initiativen wie "A Mallorca en Català", in denen Endavant die PP-Abgeordneten als "katalanische Feinde" beschuldigte.


Auszüge aus dem Protokoll zur sechsten Nationalversammlung von Endavant (OSAN) vom 11. und 12. Dezember 2010 in Tarragona

Zeit der Veränderungen, Zeit der Kämpfe!

Wir leben Veränderungszeiten. Der Kapitalismus, der Ende des 20. Jahrhunderts aus dem Zusammenbruch des Ostblocks triumphierend hervorgegangen ist, hat Anzeichen einer Schwäche in der Krise und der neoliberalen Anpassungen gezeigt, die als Lösung für diese Krise angenommen wurden. Die Schwäche des Kapitalismus ist weniger die Folge der Unfähigkeit, die Krise zu überwinden, als vielmehr zyklische Krisen der Überproduktion ein inhärentes Element des Wesens des Systems sind. Es gibt kurzfristige Lösungen, die die Nutzungsraten vorübergehend wiederherstellen können, jedoch die Schwäche in Bezug auf die Hegemonie, das heißt, die schwache Vorstellung, dass der Kapitalismus das einzig mögliche und gleichzeitig wünschenswerte Wirtschaftssystem zwischen der Arbeiterklasse und den übrigen katalanischen Volksklassen ist, bleibt bestehen. […]

Ein weiteres wichtiges Element, das wir in der letztjährigen Vollversammlung vor zwei Jahren nicht vorhersagen konnten, waren die politischen Konsequenzen der Entscheidung des spanischen Verfassungsgerichts, den ohnehin schon schüchternen Vorschlag eines neuen Statuts für die Autonome Gemeinschaft Katalonien, zu beschneiden. […]

Wir müssen uns auf die Widersprüche und Probleme der Gruppen unseres Volkes konzentrieren, um eine echte Alternative zur etablierten Ordnung zu bieten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die derzeit stattfindenden sozialen und politischen Kämpfe und ihre Protagonisten zu berücksichtigen. Sie zu berücksichtigen, bedeutet nicht sie nur zu berücksichtigen, wenn es darum geht, unsere Aussagen zu formulieren, es bedeutet vielmehr, sich ohne Vorbehalte zu engagieren, von der Basis aus, mit den AktivistInnen dieser Kämpfe zu arbeiten und unseren kleinen Teil dazu beizutragen. […]

Der einheitliche Kampf im sozialen und gewerkschaftlichen Bereich bei der Verteidigung sozialer Rechte, Arbeitsrechte und öffentlicher Dienstleistungen.

Um den Aufbau einer Einheit im Volke voranzutreiben, setzt OSAN in den kommenden Jahren weiterhin auf den sozioökonomischen und arbeitsrechtlichen Kampf als Zentrum politischer Aktivitäten, und unsere Organisation wird darauf hinarbeiten, dass diese Ausrichtung in der Praxis für den Rest der Unabhängigen Linken platziert wird. Wir verstehen, dass der Kampf und der Impuls der Volksorganisation die besten Instrumente gegen die neoliberalen Maßnahmen sind, die kurzfristig als Lösung einer Krise umgesetzt werden.

OSAN wird sich weiter darum bemühen, einheitliche Bereiche des antikapitalistischen Kampfes zu schaffen, zu organisieren und daran zu arbeiten, wie bei Streikkomitees, Versammlungen für soziale Rechte und Versammlungen von ArbeiterInnenn und Arbeitslosen. OSAN wird diese Räume mit allen antikapitalistischen linken Vereinigungen auf der Grundlage konkreter Forderungen verstärken, die den Kampf gegen Patriarchalismus, die Verteidigung des Territoriums, die Verteidigung sozialer Rechte und öffentlicher Dienstleistungen miteinander verbinden, und die Notwendigkeit der Unabhängigkeit der katalanischen Länder und einer sozialistischen Alternative zu unterstützen.
OSAN wird Schritte nach vorne unternehmen, um den Aufbau einer nationalen Klassengewerkschaft voranzutreiben, die auf den derzeit verfügbaren Instrumenten, insbesondere der COS, basiert, aber durch die Kombination der Erfahrungen des Kampfes und der Militanz in der katalanischen kämpferischen Gewerkschaftsbewegung, die dieses Ziel ergänzen wollen. Gleichzeitig verpflichtet sich OSAN, seine Militanz in diesem Bereich eingehend zu schulen und zu trainieren. […]

Von Endavant aus wollen wir die Grundlagen dafür legen, dieses politische Thema [die Unabhängigkeit] aufzubauen und das nationale Bewusstsein zu stärken, den Bruch mit den spanischen und französischen Staaten nicht als Spiel von Minderheiten und Mehrheiten in den autonomen Parlamenten zu verstehen, sondern als einen Bruch, der den Willen des Volkes in den sozialen und politischen Bereichen der katalanischen Länder beinhaltet. […]

Der Straßenkampf - wo explizit Konflikte ausgefochten werden und wo die Lösung zu allem liegt.

Endavant entscheidet sich für Straßenkämpfe als eines der wichtigsten Instrumente, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Diese ständige Bezugnahme auf die Straße drückt den Wunsch aus, im öffentlichen Raum präsent zu sein und daher in der kollektiven Vorstellung der Arbeiterklasse einen Weg zu finden, den sozialen und politischen Kampf, vor dem die Menschen stehen, zu verstehen als einen jenseits der Ämter und der privaten Interessen. Die Straße ist per Definition dier größte Ausdruckform dessen, was populär ist, was auf der Basis basiert und wo jeder teilnehmen kann, der Ort, an dem Konflikte explizit gemacht werden und wo die Lösung dieser Konflikte entstehen können. OSAN bekennt sich zur Wiederbelebung des Straßenkampfes in allen seinen Ausprägungen im Rahmen spezifischer sozialer Konflikte und Kampagnen, die Massenaktionen ermöglichen.

OSAN wird sich darauf konzentrieren, die Kampfbereitschaft und die Visualisierung von Konflikten durch ihr politisches Handeln zu erhöhen, um bestehende soziale und nationale Konflikte zu sozialisieren, das soziale und nationale Bewusstsein zu stärken und ein Modell eines für den Staat oder dessen Institutionen nicht assimilierbaren Kampfes zu projizieren. […]

Der kommunale und institutionelle Kampf

OSAN bekräftigt, dass der Munizipalismus ein strategisches Element des Kampfes der Unabhängigen Linken ist. Verschiedene Volksinitiativen wie die Frage nach der Unabhängigkeit oder die Anti-Atom-Bewegung der Ebro-Länder haben das Potenzial des Munizipalismus nicht nur als Mittel zur Ansammlung von Kräften, sondern als grundlegendes strategisches Element beim Aufbau einer Gegenmacht demonstriert. […]

Die Kommunen haben sich in den letzten Jahren als ein Schlachtfeld erwiesen, das dem Anschein einer ungehorsamen Dynamik mit dem Staat sowie einer größeren Durchlässigkeit von Institutionen für die Debatten und Kämpfe der Volksbewegung dient. Es ist möglich, vom Munizipalismus aus solide Grundlagen zu schaffen, um eine breite Volksbewegung aufzubauen, die sich an nationalen Strukturen und sozialer Transformation orientiert und in spezifischen territorialen Rahmenbedingungen verwurzelt ist. […]

Auszüge aus „Vertiefung des Selbstverständnisses von Endavant OSAN“

Unabhängigkeit, ohne Zweideutigkeiten in Bezug auf Autonomie sowie in Bezug auf die Territorialität der Nation.
Antikapitalismus und Bereitschaft, an den Kämpfen der Arbeiterklasse teilzunehmen und diese mit dem Projekt der nationalen Befreiung zu verbinden.
Quantitatives Wachstum seiner Militanz zur Gewährleistung der Mobilisierungskapazität. Wir wollen nicht die Minderheit sein, die eine breite und wenig politisierte Bewegung anführt, sondern den Grad der Politisierung im Einklang mit den oben genannten Prinzipien maximieren.
Quantitatives und qualitatives Wachstum (Training und Engagement), um alle als relevant angesehenen Kämpfe der Bevölkerung zu beeinflussen.

Wachstum und Strukturierung der Bewegung

Endavant OSAN nimmt die Herausforderung an, sich aktiv am Aufbau der katalanischen Bewegung der nationalen Befreiung zu beteiligen und sie mit den organisatorischen Strukturen zu versehen, die sie umgeben. […]


Im Jahr 2012 förderte Endavant die Kampagne "Sense sobirania econòmica no hi ha independència" (Ohne wirtschaftliche Souveränität gibt es keine Unabhängigkeit) und betont, dass "echte Unabhängigkeit nicht der Fiskalpakt ist, noch die Vorlage an die EU, den IWF oder der Märkte".
Bei den Wahlen zum katalanischen Parlament am 25. November 2012 unterstützte Endavant die Kandidatur von CUP, auf deren Listen mehrere ihrer AktivistInnen wie Isabel Vallet i Sànchez, kandidierten. Anna Gabriel, die für CUP in das katalanische Parlament in 2015 gewählt wurde und sich derzeit im Exil in der Schweiz befindet, ist ebenso Mitglied wie Carles Riera, Abgeordneter der Fraktion von CUP im aktuellen Parlament von Katalonien.


Die neunte Nationalversammlung fand am 17. und 18. Februar 2018 in Reus unter dem Motto "Ara més que mai, endavant!“ (Jetzt mehr denn je nach vorne!) mit einer Beteiligung von über 200 AktivistInnen statt. Die Resolutionen der Versammlung.