Adriana Roca (Arran): "Irgendwann müssen die Proteste gegen die Regierung von Torra gerichtet sein"

Auf elmon.cat erschien am 9. Januar 2019 ein Interview von Joan Antoni Guerrero mit Adriana Roca, Sprecherin der Jugendorganisation Arran, mit dem Titel Adriana Roca (Arran): "En algun moment les protestes s'hauran de dirigir contra el Govern de Torra"

Adriana Roca (Arran): "Irgendwann müssen die Proteste gegen die Regierung von Torra gerichtet sein"

Die neue Sprecherin der Organisation der linken Unabhängigkeitsbewegung erläutert die neue Kampagne, die sie vor dem Obersten Gerichtshof von Madrid initiiert haben, um eine Verantwortung des 78. Repressionsregime einzufordern.


Adriana Roca ist die neue Sprecherin von Arran. Am Dienstag ging sie mit einer Gruppe von AktivistInnen der linken Jugand-Unabhängigkeitsorganisation nach Madrid, um die erste Aktion einer Kampagne, „Estripem la baralla“ („Lass uns das Kartenspiel zerreißen") durchzuführen. Die Grundaussage: "das Regime von 78 ist der Täter der Unterdrückung aber auch der Kürzungen." Sie versuchten, sich an die Tore des Obersten Gerichtshofs zu ketten, wurden jedoch abgefangen und acht Mitglieder der Gruppe wurden festgenommen. Am Mittwochmorgen wurden sie freigelassen. In diesem Interview mit "El Món" erläutert Roca die Position der Gruppe angesichts der neuen politischen Szene und sendet eine Botschaft an die Regierung von Quim Torra: Wenn es die Haltung ist, zu den autonomen Pakten und dem Statut zurückzukehren, werden es die Unabhängigkeitsbewegungen sein, die sich gegen ihn wenden werden. "Es wurde die Idee verkauft, dass die Unabhängigkeit von Gesetz zu Gesetz kommen würde, ohne dass es zu einer Zeit des Chaos und zum Bruch der etablierten Ordnung kommt, obwohl offensichtlich ist, dass dies nicht so passieren kann", warnt Roca.

Adriana Roca, neue Sprecherin von Arran, am heutigen Mittwoch in Madrid / ARRAN

Was hattet ihr am Dienstag in Madrid vor und was ist passiert?

Die Idee war, die erste Aktion, die einen Rahmen zu Beginn der Kampagne „Estripem la baralla, tombem el règim“ (Lass uns das Kartenspiel zerreißen, wir stürzen das Regime") bildet, durchzuführen. Wir wollen anprangern, dass das Regime von 78 die Ursache der politischen Justizprozesse, der Repressionen mit all der Befugnisse für die Unterdrückung von Katalonien, aber auch für die Kürtzungen ist. Die Kampagne hat eine breitere Perspektive und ist nicht so sehr auf die Unabhängigkeitsfrage ausgerichtet. Die Aktion bestand darin, ein Banner zu zeigen, einige Rauchgläser anzuzünden und sich am Obersten Gerichtshof anzuketten.

War die Ausrichtung der Aktion eine mediale oder hattet ihr gedacht, dass ihr dort dauerhafter ausharren könntet?

Wir schätzten, dass der Zeitpunkt der Aktion von der Reaktion der Sicherheitskräfte des Staates abhängen würde.

Du denkst, die Reaktion sei bedeutend und unverhältnismaßig gewesen. Warum?

In dem Moment, als wir ein Banner entfalteten und ein Rauchglas anzündeten, erschienen Polizizisten, die versuchten, das Banner zu beschlagnahmen. Als sie bei den Leuten, die sich anketten sollten, auftauchten , drückten die Polizisten diese direkt auf den Boden und fesselten ihnen die Hände hinter dem Rücken.

Wie waren die Geschenisse auf der Polizeistation?

Ein normaler Umgang innerhalb einer Polizeistation. Dies bedeutet nicht, dass es sich um einen schönen Umgang handelte, aber es ist nichts Ernstes zu berichten.

War dies Arrans erste Aktion in Madrid oder hatten Sie als Organisation schon vorher etwas getan?

Nein, bisher waren wir noch nicht aktiv. Einmal hatten wir ein Banner auf einer Brücke entfaltet. Dies war jedoch eine Aktion mit etwas mehr Komplexität. Denn das Entfalten eines Banners ist nicht so komplex.

Roca vor einem Turm von Bankia | ARRAN

Woraus wird die Kampagne "Estripem la baralla" bestehen? [Anmerkung: Hier gibt es einen Bezug zur Hierarchie des Königs im Kartenspiel]

Abgesehen von der Verhandlung hat die Kampagne eine breitere Perspektive. Wir sagen, wir "zereißen das Kartenspiel", weil wir wissen, dass dieses Regime wie ein Kartenspiel funktioniert. Jede Karte hat ihre Rolle im Spiel, mit dem Unterschied, dass es in diesem Spiel niemanden gibt, der verliert. Es ist beabsichtigt, das Regime als schuldig der Geschehnisse anzuprangern und zu verstehen, dass es sich nicht um eine Partei, ein Gericht oder einen Richter handelt, sondern um eine systemische Angelegenheit. Wir werden die Rolle des Jockers spielen, der die Regeln verletzt. Wir werden antworten und handeln.

Ist die Aktion vom Dienstag die einzige, die ihr in Madrid plant?

In Madrid ist keine Aktion geplant. Was in dieser Kampagne gemacht wird, hängt vom Kontext ab.

Das von der Polizei beschlagnahmte Material der Aktion in Madrid

Vor einem Jahr interviewte 'El Món' Arrans früheren Sprecher. Ist die Analyse der Situation dieselbe wie die der aktuellen Organisation?

Die Analyse des aktuellen Kontextes unterscheidet sich erheblich von der nach 1-O. Wir befinden uns jetzt in einem Moment einer gewissen Desorientierung. Die Urteile werden kommen und es scheint, dass es keine klare Strategie gibt, wie man reagieren soll. Ein Bevölkerungsteil sieht sich betrogen in Bezug auf eine Republik, die umgesetzt werden sollte und niemals umgesetzt wurde. Was wir jetzt haben ist eine autonome Regierung, die nicht den Erwartungen dieser Menschen entspricht und nicht willens ist, ungehorsam zu sein, weil sie darauf wartet, zu autonomen Pakten zurückzukehren.

Verliert der Standpunkt von Torra an Glaubwürdigkeit?

Der erste Grund für den Verlust der Glaubwürdigkeit besteht darin, dass diejenigen, die mit dem Willen zur Bildung einer Republik bei den Wahlen angetreten sind, die Bevölkerung ermutigen, sich permanent zu mobilisieren, jedoch mit Repressionen, Gewaltanwendungen und Verhaftungen durch die Mossos d´Esquadra reagieren, wenn dies von den Befürwortern der Unabhängigkeit und des Antifaschismus umgesetzt wird.

Erwarten Sie eine Änderung in der Führung der Mossos?

Es sieht nicht so aus als ob dies stattfinden wird.

Wie beurteilst du die Entstehung von Vox und die erhöhte Präsenz auf den Straßen und den Volkszelten [Anmerkung: im Kontext läßt ist hier das erhöhte Auftreten von rechten Wahlkampfständen gemeint] in den Dörfern? Welche Position wird Arran einnehmen?

Wir haben immer gesagt, dass angesichts des Faschismus die Option, dies zu ignorieren und zu erwarten, dass dieser seine Magie verliert, keine Option ist. Es muss auf der Straße dagegen gekämpft werden um zu zeigen, dass sie damit nicht durchkommen. Der Staat ist bedroht und in einer Zeit der Systemkrise ist es manchmal von dessen Interesse, den Faschismus wirken zu lassen und präsent zu haben. Die Medien haben oft damit zu tun, dass dieser politischen Raum bekommen.

Zurück zur Analyse der Situation. Arran hatte vor einem Jahr erkannt, dass die Unabhängikeitsbewegung nicht ausreichend Kraft hatte, um die Republik umzusetzen. Bleibt ihr bei dieser Meinung?

Wir halten an dieser Analyse fest, sagen aber auch, dass es den Willen gab, dass nicht genug Kraft auf der Straße vorhanden wäre, die Republik umzusetzen. Es  wurde die Idee verkauft, dass die Unabhängigkeit von Gesetz zu Gesetz kommen würde, ohne dass es zu einem Chaos und zum Bruch der etablierten Ordnung kommen würde, wobei offensichtlich ist, dass dies nicht so passieren kann. Die Unabhängigkeit wird eher durch die Mobilisierung auf der Straße erreicht werden als durch politische Kräfte.

'Estripem la baralla' enthält einen Kartenspiel mit einem "Joker"' und sechs weitere Karten mit Zeichnungen von PP, Cs, Vox und PSOE sowie von Richtern und der Monarchie / Arran am 9. Januar 2018

Seht ihr euch für das Gewaltnarrativ mitverantwortlich, mit der einige Medien die Unabhängigkeitsbewegung beschreiben? Und wie siehst du die Kontroverse um die Vermummten?

Nein. Wir fühlen uns nicht verantwortlich. Es gibt Bereiche, die den Diskurs des Pazifismus nicht teilen, diese repräsentieren uns aber nicht in Gänze. Wir glauben, dass es wichtig ist, mit dem Mantra des Pazifismus zu brechen, denn manchmal scheint es, dass wir Gewaltlosigkeit mit Passivität verwechseln. Wir glauben, dass dies ein Fehler ist. Viele Aktionen, die wir ausführen, können nicht schlussendlich als gewalttätig betrachtet werden, vielleicht als offensichtliche Widerstandshandlungen. Was die Diskussionen angeht, die die Vermummten kriminalisieren, können diese leicht widerlegt werden wenn wir sehen, dass Personen, die für dieselben gekämpft haben, ins Exil gehen mussten oder ihr Dorf nicht verlassen können, wie Adri und Tamara. Die Aussagen, die den Protest kriminalisieren, sind die derjenigen, die die Untersuchungshaft der Jordis legitimieren oder einen normalen Protest, der im Rahmen des zivilen Ungehorsams fällt, als Rebellion betrachten.

Ich beschreibe eure Organisation also eher als eine des Widerstands als der Gewalt ...

Ich glaube nicht, dass es Gewalt ist, Farbe ans Haus eines Richters zu werfen. Das ist das eine, und das ander ist dass wir Gewalt als Kampfform delegitimieren, was jedoch nicht der Fall ist. Der Staat hat das Gewaltmonopol und es ist sehr schwierig, die Macht ohne Gewalt umzukehren. Eine Sache ist, dass wir dazu stehen, was wir getan haben, und dass gesagt wurde, dass dies gewalttätig ist oder vielleicht nicht, und eine andere Sache ist, dass wir ein Kampfmittel der Menschen delegitimieren, um auf die Angriffe zu reagieren, die sie erhalten. Der Staat nutzt Gewalt, wie er will.

Arran verteidigt die Mobilisierung auf den Straßen und versucht alles lahm zu legen als Antwort auf die Prozesse [Anmerkung: Gemeint sind die Gerichtsprozesse gegen die politischen Gefangenen]. Sind ausreichend Kräfte in der linken Unabhängigkeitsbewegung vorhanden, um dies leisten zu können?

Die linke Unabhängigkeit für sich allein hat die Fähigkeit zur Mobilisierung, aber wenn sie eine Kampagne initiiert, geschieht dies mit dem Wunsch, andere Bereiche hinzuzufügen. Die CDRs befinden sich sicherlich in einer ähnlichen Position, um von der Straße aus den Prozessen eine kraftvolle Antwort zu geben. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass es eine Kraft auf der Straße gibt, auch wenn kein ANC oder Omnium dahinter ist.

Irgendwann werden diese Proteste gegen die Regierung von Torra gerichtet sein?

Wir haben die Diskussion um eine "Republik jetzt" aufgegeben, weil wir verstehen, dass die Regierung hier nicht durchzieht, wir glauben nicht, dass sie Ungehorsam zeigen wird. Es kann sein, dass sich die Mobilisierungen irgendwann gegen die katalanische Regierung richten, es wird von ihrer Haltung abhängen. Wir haben bereits gesagt, dass es weder ein Pakt noch einen Rückzug geben wird und nichts durch einen neues Autonomiestatut oder eine neue Staatsform gelöst wird. Es wird immer deutlicher, dass die Regierung den Umständen nicht gerecht wird.